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„Das digitale Kontenbuch kann eine Lücke schließen“

13.08.2018
Prof. Wolfgang Prinz, Fraunhofer FIT und Referent der MTM-Bundestagung 2018, zur Blockchain-Technologie in der Industrie

Ist die Blockchain-Technologie das nächste große Ding? Oder wird hier viel Wind um nichts gemacht? Die Meinungen gehen – wie so oft – weit auseinander. Zu den Experten, die in der Blockchain Technologie großes Potenzial gerade auch für die Anwendung in der vernetzten Produktion sehen, gehört Prof. Wolfang Prinz, Stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer FIT in St. Augustin. Seiner Meinung nach ist Blockchain bestens geeignet, Prozesse zu optimieren und auch neue Geschäftsmodelle zu generieren. Im Rahmen der MTM-Bundestagung am 25.10.2018 in Stuttgart rückt er die Einsatzmöglichkeiten der Technologie in der Industrie und entsprechende Use Cases in den Fokus. MTMaktuell nahm dies zum Anlass für ein Gespräch.

Herr Prof. Prinz, zum besseren Verständnis für unsere Leser: Was ist eine Blockchain?
Die Blockchain ist ein digitales Kontenbuch, in dem alle Transaktionen zwischen Unternehmen bzw. Personen gespeichert, fortlaufend dokumentiert und verwaltet werden. Und das so fälschungssicher wie derzeit kein anderes System.

Was macht die Blockchain denn so sicher?
Bei der Blockchain-Technologie werden Daten nicht zentral an einer Stelle gespeichert und verwaltet, sondern an die Teilnehmer eines ganzen Netzwerks gegeben. Alle diese Personen bzw. Unternehmen prüfen die Daten quasi in Echtzeit und registrieren sofort jede Veränderung des Datenbestands. Damit haben auch Manipulationsversuche keine Chance. Ein weiterer, großer Vorteil der Blockchain: Alle Teilnehmer des Netzwerks sind immer auf dem gleichen Stand. D. h., selbst wenn es an einer Stelle oder auch mehreren Stellen im Netzwerk zu Störungen kommen sollte: Das Netzwerk hat noch hundert- oder tausendfach Kopien der Blockchain zur Verfügung.

In welchen Kontext würden Sie das Thema Blockchain inhaltlich stellen?
Wir gehen davon aus, dass Blockchain eine Art Kooperationstechnologie ist – ähnlich wie Social Media, Augmented Reality oder Mobilitätssysteme. Das Potenzial dieser Kooperationstechnologie erforschen wir aktuell im Blockchain-Lab des Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik. Unser Ziel ist es, die Technologie für Unternehmen verständlich zu machen und in konkrete Lösungen bzw. Anwendungen umzusetzen.

Zu den Anwendungsmöglichkeiten von Blockchain in der Industrie sprechen Sie auch auf der MTM-Bundestagung im Oktober. Warum sollten sich Unternehmen mit diesem Thema befassen?
Die Digitalisierung der Produktion zieht die Automatisierung und Digitalisierung vieler anderer Prozesse im Unternehmen nach sich. Die Blockchain mit ihrem hohen Automatisierungspotenzial kann hier eine Lücke schließen. Im Fokus stehen sogenannte Smart Contracts, sprich „selbstausführende Verträge“ – ein neues Instrument z. B. zur Optimierung von Kunden-Lieferanten-Beziehungen. Mit der Blockchain-Technologie können Lieferung und Zahlung direkt verbunden werden. Weitere Anwendungsbereiche neben der Optimierung von Supply-Chain-Prozessen sind das sichere Betreiben von Prozessnetzwerken oder das Produkt- bzw. Qualitätsmanagement im Unternehmen.

Die Blockchain ist da – und alle machen mit? Was wäre denn ein Indikator für die Anwendung der Blockchain-Technologie?
Die neue Technologie ist sicher nicht für jedes Unternehmen geeignet. Der erste Schritt muss deshalb sein, die Prozesse im Unternehmen bzgl. ihrer Blockchain-Relevanz zu analysieren. D. h. habe ich ein Netzwerk? Welche Rechte oder Assets sollen transferiert oder gesichert werden? Wo gibt es Automatisierungspotenzial? Hat meine Maschine eine Identität, die selbst protokollieren kann, wie sie genutzt worden ist und selbst mit Lieferanten verhandelt? Eine entsprechende Checkliste stellt das Blockchain-Lab zur Verfügung.

Automatisierung, Blockchain, Smart Contracts – brauchen wir da noch den Menschen, Herr Prof. Prinz?
Auf jeden Fall. Smart Contracts z. B. ersetzen keine rechtssicheren Verträge, die zwei Partner eingehen. Und eine Blockchain bzw. ein entsprechender Knoten im Netzwerk muss betrieben werden – und da ist der Mensch als Gestalter und Nutzer der IT sofort wieder im Spiel!


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