MTM – Arbeit produktiv und gesund

„Den Fachleuten Leine geben“

12.04.2019
Prof. Dr. Bernd Wilhelm, Keynote-Speaker
MTM- und TiCon-Anwenderkonferenz 2019:
Wer hat den Lead – IT oder Produktion?


Niedrigere Stückkosten, kürzere Durchlaufzeiten, hohe Produktqualität, stabile Lieferfähigkeit – von der Digitalisierung erhoffen sich gerade Unternehmen der Fertigungsindustrie einen deutlichen Produktivitätsschub und damit mehr Wettbewerbsfähigkeit. Erfolgreiche Digitalisierungsprojekte fallen jedoch nicht vom Himmel. Dazu bedarf es einer intensiven Vorbereitung – und der Antwort auf die Frage: Wer hat den Lead – IT oder Produktion? Prof. Dr. Bernd Wilhelm, u. a. ehem. Leiter Produktionsstrategie Konzern und Leiter Zentrales Industrial Engineering bei VW, hat sich über das gesamte Berufsleben mit Digitalisierungsprojekten beschäftigt. Mit seiner Keynote zur MTM- und TiCon-Anwenderkonferenz am 9./10. Mai 2019 in Heilbronn gibt er Fach- und Führungskräften in IE und IT einen konkreten Handlungsleitfaden an die Hand.

MTMaktuell: Herr Prof. Wilhelm, was verbindet Sie als ausgewiesenen IE-Experten mit dem Thema Digitalisierung?
Schon als Student der Fachrichtung Maschinenbau/Produktionstechnik war mir die IT sehr nahe. Es ging ja darum, mit der Planung von Alternativen zu besseren Prozessen zu kommen. Die Simulation mittels IT war und ist hier ein ideales Instrument, um das Prozessverhalten grob abschätzen zu können. Insofern war das Operations Research auch ein wichtiger Teil meines Studiums: Prozesse abstrakt beschreiben, der Produktion damit erste Orientierung geben und schauen, welche Chancen die IT, damals noch EDV, eröffnet.

Sie sind kein Theoretiker geblieben, sondern haben beizeiten und über Jahrzehnte praktische Erfahrungen gesammelt im Spannungsfeld von IT und Produktion…
Ich hab alles erlebt – Höhen und Tiefen. Eine der wichtigsten Erfahrungen habe ich als Leiter des Zentralen Industrial Engineering bei VW gemacht. Damals war ich verantwortlich für die Entwicklung des neuen IE-Systems. Für den damaligen Chef der IT und für mich war der Weg klar: Die Produktion und das IE definieren die Inhalte – und die IT stellt die zur Umsetzung erforderliche IT-Landschaft, also bestmögliche Lösungen in punkto Hard- und Software, zur Verfügung.

Das heißt, die Produktion hat den Lead?
Das heißt, dass derjenige, der den Prozess ausführt, den Prozess auch gestalten können muss.

Warum sollten Industrial Engineers und ITler Ihren Vortrag bei der MTM-Anwenderkonferenz nicht verpassen?
Durch die Digitalisierung befindet sich die Welt in einem totalen Umbruch. Man schlägt aber schnell den falschen Weg ein, wenn man als Verantwortlicher für Digitalisierungsprojekte die Dinge kritiklos hinnimmt, wenn man „einfach drauflos digitalisiert“, ohne sich Inhalte, Prozesse und die Rolle aller Beteiligten bewusst zu machen. Der Planer, der Produktioner und der IEler müssen Verständnis für den ITler aufbringen und der ITler muss offen sein für die Bedürfnisse der Anwender. Die Digitalisierung der Produktion ist ganz klar eine Gemeinschaftsaufgabe! Mein Appell an die Teilnehmer der MTM-Anwenderkonferenz lautet deshalb: Überzeugen Sie Ihre Kollegen in IT bzw. IE, gehen Sie aufeinander zu, setzen Sie sich an einen Tisch und entwickeln Sie die nötigen Kompetenzen – auf beiden Seiten!

Welche Rolle muss denn Ihrer Meinung nach das Management bei der Umsetzung dieser Gemeinschaftsaufgabe spielen?
Es ist sicher ein veränderter Führungsstil nötig, d. h. das Management muss den Fachleuten Leine geben, sie einfach mal machen lassen, ihnen mehr zutrauen und vor allem den intensiven Dialog zwischen den Abteilungen fördern. Der größte Fehler wäre es, die Mitarbeiter zu wenig in den Digitalisierungsprozess einzubeziehen.

Die Anfänge der Digitalisierung liegen in den späten 1960/frühen 1970er Jahren, als Computer für breite Anwendungen auch in der Technik eingesetzt wurden. Von Digitalisierung der Produktion, also „Industrie 4.0“, reden wir seit etwa 2010. Und wie geht‘s weiter?
Ich weiß es nicht. Das Thema Künstliche Intelligenz wird in den Produktionssystemen der Zukunft vermutlich eine herausragende Rolle spielen. Und was mit der ungeheuren Datenflut auf uns zukommt, wie wir z. B. Big Data beherrschen und wie weit wir es überhaupt tun, lässt sich heute noch gar nicht abschätzen. Vielleicht ist am Anfang weniger mehr. Das heißt, wer jetzt die großen Digitalisierungsprojekte angeht, sollte darüber nachdenken, besser 1000 Schritte zu machen mit wenig Risiko als zehn Schritte mit großem.


Sie wollen diesen und andere IE- und IT-Experten live erleben? Dann kommen Sie zur MTM- und TiCon-Anwenderkonferenz am 9. und 10. Mai 2019 nach Heilbronn. Nähere Informationen und Anmeldung hier.

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