MTM – Arbeit produktiv und gesund

„Den Tischkicker einfach mal in die Fertigung stellen“

Interview mit Prof. Dr. Sabine Pfeiffer, Referentin der MTM-Bundestagung 2017

Der digitale Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft ist nicht ohne den Menschen machbar – darin sind sich alle einig. Kontrovers diskutiert wird jedoch die Frage, ob der Mensch Opfer oder Gestalter dieses Prozesses ist. Für Prof. Dr. Sabine Pfeiffer ist die Antwort klar: Gestalter – wenn man ihn lässt. Die Leiterin des Lehrstuhls für Soziologie an der Universität Hohenheim, Stuttgart, hat als gelernte Werkzeugmacherin mit CNC, CAM und CAD schon die Entwicklung der Industrie 3.0 live miterlebt. Im Rahmen der MTM-Bundestagung am 26. Oktober 2017 in Stuttgart will sie eine Lanze brechen für den industriellen Facharbeiter, den Beschäftigten am Shopfloor, dessen Innovationspotenzial meist nicht erkannt und deshalb auch nicht genutzt wird. Sabine Pfeiffer stand MTMaktuell vorab für ein Gespräch zur Verfügung.

Frau Prof. Dr. Pfeiffer, die Bundeskanzlerin betont immer wieder, dass die größte Herausforderung, vor der Deutschland steht, die Digitalisierung sei. Sehen Sie das auch so?

"Wir haben sicher auch noch andere Dinge zu bewältigen, aber ein wesentlicher Entwicklungstrend ist die Digitalisierung schon."

Was müssen wir denn Ihrer Meinung nach tun, um diese Herausforderung zu meistern?
"Vor allem müssen wir Beschäftigung so gestalten, dass wir keinen polarisierenden Arbeitsmarkt produzieren. Viele Geschäftsmodelle zur Digitalen Transformation im Unternehmen basieren auf amerikanischer Denke – Silicon Valley lässt grüßen. Aber der Arbeitsmarkt in den USA mit seinem hohen Prozentsatz an nicht ausgebildeten Beschäftigten ist mit dem deutschen Arbeitsmarkt gar nicht vergleichbar. Die deutsche Wirtschaft funktioniert so gut, weil wir eine duale Ausbildung und viele bestens qualifizierte Fachkräfte in den Unternehmen haben. Das ist unsere Stärke – und ein riesiges Potenzial!"

Ein Potenzial, das Unternehmen Ihrer Meinung nach zu wenig nutzen?
"Ja, das Thema wird viel zu wenig reflektiert. Sehen Sie sich doch die vielen Studien an, die immer zum gleichen Ergebnis kommen: Die Digitalisierung macht Menschen in der Produktion über kurz oder lang obsolet. Hier wird aber unterstellt, dass alle Mitarbeiter am Shopfloor dumpfe Routine-Arbeit erledigen. Klar, die aktuelle technologische Welle wird Arbeit ersetzen – so wie andere technologische Wellen vorher auch. Aber nochmal: Gerade am Shopfloor schlummert ein riesiges Potenzial – und das will ich mit meiner Forschung sichtbar machen."

Was können Unternehmen tun, um dieses Potenzial zu heben?
"Wenn ich mir all die schönen Dinge ansehe, über die geredet wird – die neuen Geschäftsmodelle, die neuen Organisationsstrukturen, die neuen Arbeitssysteme –, eines ändert sich nie: Der Facharbeiter an der Maschine ist der letzte, der in die Diskussion einbezogen wird. Er sitzt nur am empfangenden Ende des Prozesses – und alle anderen entscheiden. Dabei ließen sich so viele tolle Ideen aus der Shopfloor-Ebene rausholen. Stichwort Design Thinking Workshops. Oder man stellt den Tischkicker, der die Innovationskraft und Kreativität von Managern fördern soll, einfach mal in die Fertigung und schaut, was dort rauskommt."

Richtet sich Ihr Appell vorrangig an das Management von Konzernen und großen Unternehmen?
"Vorrangig ja, aber nicht ausschließlich. Innovationspotenziale schon auf Shopfloor-Ebene zu erschließen, ist gerade für kleinere Unternehmen eine große Chance. Nämlich ohne – meist teure – externe Berater auszukommen und aus eigener Kraft die Herausforderungen zu meistern, die der digitale Wandel mit sich bringt!"

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