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"Es fehlt die Kultur des Experimentierens"

13.09.2018
Experte Carsten Kraus zur Frage, warum es in Deutschland nicht so läuft in Sachen KI

Das von der Bundesregierung ausgerufene Wissenschaftsjahr 2019 steht ganz im Zeichen der Künstlichen Intelligenz (KI). Und das scheint auch nötig, sind Länder wie die USA oder China bei der Forschung zu KI und der Entwicklung von Anwendungen für die Industrie doch deutlich weiter. Carsten Kraus, Geschäftsführer der Omikron Data Quality GmbH, KI-Experte und Referent der MTM-Bundestagung am 25.10.2018 in Stuttgart, hat genaue Vorstellungen, was besser laufen müsste, damit Deutschland in Sachen KI nicht unter ferner liefen landet.

Herr Kraus, warum hinken wir Deutschen beim Thema Künstliche Intelligenz hinterher?
Wir haben schlicht und ergreifend den Anschluss verpasst. Die USA sind im IT-Bereich führend, das ist Fakt, und China holt mit aktivem staatlichem Anschub inzwischen stark auf. Deutschland macht zwar noch spannende Grundlagenforschung, aber im Mittelteil der Forschung zur Künstlichen Intelligenz spielt Deutschland keine Rolle. Das Paradoxe: Mit der Grundlagenforschung arbeiten wir den USA und China sogar noch zu. Hier fehlt eine konzertierte strategische Initiative.

Was läuft denn Ihrer Meinung nach falsch in Deutschland?
Grundlagenforschung findet an den Universitäten statt, die Unternehmen machen wenig. Universitäten publizieren aber und diese Ergebnisse kann jeder weltweit lesen. Damit hat der Standort Deutschland keinen Vorteil mehr.

Warum machen die Unternehmen wenig?
Obwohl Deutschland eine Familienbetriebskultur hat: Unsere großen Unternehmen sind keine Familienbetriebe, und angestellte CEOs denken mehr an ihr Jahresergebnis als an die Zukunft. Paradoxerweise sind in den USA die Tech-Konzerne größtenteils inhabergeführt. Obwohl diese Konzerne 80% ihres Kapitals an der Börse haben, hält der Gründer eben noch 20% selbst. Man denke an Elon Musk, Jeff Bezos oder ehemals Bill Gates und Steve Jobs: Diese Unternehmen haben CEOs, die sich langfristig mit dem Unternehmen identifizieren und auch mit ihm identifiziert werden. Wie viele Leute in Deutschland wissen, wie der aktuelle CEO von SAP, Siemens oder der Deutschen Telekom heißt? Elon Musk kennt jeder. Durch diese starke Fokussierung können die CEOs langfristige Visionen durchziehen, die fünf Jahre lang Verluste einbringen. Oder sogar deutlich länger, wie ehemals Amazon gezeigt hat – und jetzt ist es ein 1.000 Mrd. Dollar-Unternehmen.

Das waren zwei Gründe, warum es in Deutschland nicht so läuft im IT-Bereich. Gibt es noch mehr?
Es fehlt die Kultur des Experimentierens, auch wenn etwas schiefgeht. Und etwas, das die Politik wirklich ändern könnte: Patente. Das ist nicht nur in Deutschland, sondern europaweit ein Problem. Wir sind bei Patentanmeldungen nicht schnell genug bzw. können Neuentwicklungen oft gar nicht schützen. Auch bei Software-Produkten muss in Deutschland nämlich der „geräteartige“ technische Charakter der Erfindung dargelegt werden: Wenn ich Metall in einer anderen Weise biege und es kommt ein tragfähigeres Lagerregal raus, bekomme ich ein Patent; biege ich Daten auf eine neuartige Weise und es kommt eine bessere Lagervorhersage raus, muss ich ewig mit dem Patentamt diskutieren oder bekomme gar kein Patent. Solche Regeln könnten ok sein, wenn sie weltweit gleich wären; weil es aber in den USA anders ist, handeln wir Europäer uns Nachteile ein. Wir, also Omikron, melden unsere Patente zuerst in Europa an und erst nach einem Jahr in den USA. Trotzdem wird das US-Patent fast immer früher erteilt als das europäische/deutsche. Das europäische Patentamt sitzt ja in München. In Deutschland gibt es teilweise zig Bedenken, ob das auch eine „technische“ Erfindung ist, nur weil die Neuerung durch Algorithmen und Software kommt, nicht durch Hardware.

Was ist mit der Finanzierung von Projekten? Es gibt in Deutschland ja jede Menge Fördertöpfe...
Die Finanzierung ist die zweite Hürde, die es in Deutschland zu nehmen gilt. Aber es geht auch um Kultur. Der Zugang zu Kapital ist z. B. in den USA viel leichter als hier. Und es ist dort auch nicht der Weltuntergang, wenn ein Startup scheitert. Ich habe mit meiner Firma eine halbe Million in den Sand gesetzt, als wir noch weniger als zehn Mio. Umsatz hatten. Wir haben damals die erste funktionierende semantische Suche für die Reiseindustrie entwickelt, die konnte solche Anfragen beantworten wie „Mit meiner kleinen Tochter über Weihnachten an den Strand“. Die User haben aber zu 98% nur ein einzelnes Wort eingetippt, meist so etwas wie „Mallorca“. Wir waren zu früh dran mit unserem Produkt. Glücklicherweise konnten wir uns das leisten, weil die anderen Produkte schon damals gut liefen. Aber wenn die Firma es nicht überlebt hätte, hätten in Deutschland alle mit dem Finger auf mich gezeigt, und für mein nächstes Projekt hätte ich in Deutschland auch kein Geld bekommen. Das ist in den USA anders; die Venture Capitalists sagen dann „OK, der hat jetzt gelernt, was er nicht machen darf – nächste Chance.“

Wie läuft das in China?
In China ist staatliche Steuerung ein Erfolgsfaktor. Die Regierung hat einen langfristigen Plan und lässt den Unternehmen viele Freiheiten, wenn sie etwas tun, das für China als Ganzes erfolgversprechend ist. Bei uns in Deutschland greift der Staat in die Wirtschaft vor allem ein, um etwas zu verbieten oder einzuschränken, in China, um etwas voranzubringen. Für deutsche Unternehmen im globalen Wettbewerb ist das nicht gut. Bislang wurde der Kohlebergbau – Vergangenheitstechnologie – jährlich mit drei Mrd. Euro subventioniert. Diese Förderung läuft 2018 aus. Vielleicht sollte man dieses Geld jetzt für Zukunftstechnologien einsetzen?

Mit KI beschäftigen sich Wissenschaftler schon seit einem halben Jahrhundert – warum sprechen Sie jetzt von der „nächsten Revolution“?
Die Fortschritte, die in den vergangenen Jahren bei der Forschung zur Künstlichen Intelligenz gemacht wurden, sind exponentiell. Geoffrey Hinton z. B., der im kanadischen Toronto Künstliche Intelligenz lehrt, gelang 2006 der Durchbruch in punkto Deep Learning. Seitdem ist eine Grenze nach der anderen gefallen: sprecherunabhängige Spracherkennung, zuverlässiges Erkennen von Objekten auf Bildern, das Go-Spiel. Die meisten KI-Forscher hatten einen Sieg beim Go-Spiel erst für 2025 erwartet, weil es nicht durchgerechnet werden kann, sondern menschliches Abstraktionsvermögen erfordert. Weil die Technologien jetzt breite Anwendungen finden, wird auch immer mehr spezialisierte Hardware entwickelt. Mit einer spezialisierten Grafikkarte, die sogenannte Tensor-Prozessoren enthält, ist eine meiner Neuronalen-Netz-Anwendungen etwa 1.000 (!) Mal  schneller als auf einem herkömmlichen aktuellen Prozessor. Kosten: knapp 3.000 €, also auch für einzelne Forscher bezahlbar. Was man früher die ganze Nacht durchrechnen musste, geht jetzt in einer Minute. Die Fortschritte hier sind viel größer als bei normalen Computern, bei denen das Moore’sche Gesetz eine Verdopplung alle 18–24 Monate besagt. Die Tensor-Chips von Google sind in 18 Monaten acht (!) Mal schneller geworden.

Wozu wird Künstliche Intelligenz in Zukunft fähig sein?
Dass eine Maschine die menschliche Intelligenz im Ganzen nachbilden kann, davon sind die aktuellen Systeme noch weit entfernt. Bei einer Umfrage unter Forschern schätzten diese durchschnittlich, dass KI im Jahr 2062 dazu in der Lage sein wird. Das beinhaltet dann, auch spezifisch menschliche intellektuelle Leistungen wie Gefühle nachzubilden. Angesichts der vorhin aufgeführten Durchbrüche ist meine Prognose: Es könnte auch schon 2035 so weit sein.

Die Frage aller Fragen: Werden Maschinen dem Menschen bald überlegen sein – und ihn verdrängen?
KI wird alles können, was Menschen können – das ist nur eine Frage der Zeit. Es kommt vielmehr darauf an, was wir sie tun lassen. Ich möchte nämlich gern, dass die Menschheit weiterregiert auf diesem Planeten. Wenn wir Europäer diese Zukunft beeinflussen wollen, hilft Widerstand gegen KI gar nichts: Wir müssen uns in eine relevante Position bringen. Nur dann können wir mitgestalten.


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