MTM – Arbeit produktiv und gesund

„Es macht keinen Sinn, schlechte Prozesse zu digitalisieren“

Interview anlässlich zehn Jahre Braunschweiger GPS-Symposium

Am 14. September 2017 veranstalten das Institut für Fabrikbetriebslehre und Unternehmensforschung der TU Braunschweig (IFU) und die Deutsche MTM-Vereinigung e. V., respektive das MTM-Institut, das 10. Braunschweiger Symposium für Ganzheitliche Produktionssysteme. MTMaktuell nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, um mit Prof. Dr. Uwe Dombrowski, Leiter des IFU (im Bild links), und Prof. Dr. Peter Kuhlang, Leiter des MTM-Instituts, die erfolgreiche Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren Revue passieren zu lassen und den Blick auf kommende Aufgaben zu lenken.


Das IFU ist seit der ersten Ausgabe im Jahr 2008 Mitveranstalter des GPS-Symposiums. Warum haben Sie das Ganzheitliche Produktionssystem (GPS) thematisiert und warum zu diesem Zeitpunkt?


Prof. Dombrowski: Das war die Zeit, da die Lean-Welle rollte und Lean auch in anderen Branchen als der Automobilindustrie Fahrt aufnahm. Wir haben festgestellt – auch in Gesprächen mit kleinen und mittleren Unternehmen –, dass zur Implementierung der Methoden Unterstützung in Form von Information und Austausch gefragt ist. Parallel zu dieser jährlichen Veranstaltung widmet sich der VDI-Fachausschuss für Ganzheitliche Produktionssysteme diesem Thema. Die Ergebnisse werden auch auf den Symposien präsentiert.


Was denken Sie, wie lange das Ganzheitliche Produktionssystem für die deutsche Industrie noch ein Thema sein wird?


Prof. Dombrowski: Mindestens noch die nächsten zehn Jahre. In den Bereichen Fertigung und Montage, in denen wir mit dem Ganzheitlichen Produktionssystem als Ordnungsrahmen starteten, haben wir mittlerweile eine Durchdringung von über 80 Prozent zu verzeichnen. In Zukunft liegt der Fokus mehr auf  indirekten Bereichen wie Entwicklung, Sales und Service. Die große Aufgabe besteht also darin, das GPS flächendeckend im gesamten Unternehmen zu etablieren. Ein Industriearbeitskreis aus zehn, zwölf Unternehmen hat das methodische Vorgehen des GPS bereits erfolgreich auf den Entwicklungsbereich übertragen. Diese Best Practice ist neben vielen anderen im Tagungsband zum 10. GPS-Symposium – eine Jubiläumsausgabe – nachzulesen.

Prof. Kuhlang: Ich bin überzeugt, dass das Ganzheitliche Produktionssystem ein nachhaltiges Thema zumindest für große und mittlere Unternehmen bleiben wird. Dort geht es jetzt ans Feintuning in der Produktion und an den Roll-out in produktionsnahe, indirekte Bereiche. Außerdem werden auch Branchen jenseits von Automotive und Maschinenbau – wie Textilindustrie, Prozessindustrie, Dienstleistung und Versicherung – die Vorteile eines methodischen Ordnungsrahmens erkennen und auf ihre Bedürfnisse adaptieren. Eine Säule des Erfolgs wird auch hier die Digitalisierung sein. Inwieweit klein- und mittelständische Unternehmen das Thema GPS weiter verfolgen, wird sich zeigen. Ich denke, das ist vor allem auch eine Frage der Ressourcen.



Die Deutsche MTM-Vereinigung e. V. ist Mitveranstalter des GPS-Symposiums und gibt auch den Jubiläums-Tagungsband mit heraus. GPS und MTM – eine Erfolgsgeschichte?


Prof. Dombrowski:
Auf jeden Fall. Der Einsatz von MTM als Methodenstandard ist eine wichtige Voraussetzung  zur erfolgreichen Implementierung Ganzheitlicher Produktionssysteme – auch und gerade im Hinblick auf die alters- und alternsgerechte Arbeitsplatzgestaltung. Im VDI-Fachausschuss für Ganzheitliche Produktionssysteme haben wir uns gemeinsam dafür eingesetzt, dass Ergonomie und Arbeitssicherheit als neuntes, gleichgewichtiges Gestaltungsprinzip des GPS in die VDI-Richtlinie 2870 aufgenommen wird.  Die Richtlinie 2871 behandelt übrigens das Thema Lean Leadership, also Führung in Ganzheitlichen Produktionssystemen. Im Mittelpunkt der darauffolgenden Richtlinie 2872 steht konsequenterweise das Lean Enterprise, das als ganzheitlicher Koordinationsmechanismus zu verstehen ist. Dieser ist notwendig, um durch die Anwendung von Lean-Prinzipien effizient Werte für die verschiedenen Stakeholder im Unternehmen zu schaffen.

Prof. Kuhlang:
Ja, ganz sicher eine Erfolgsgeschichte. Ergonomiegerechte Arbeit muss systematisch im Ganzheitlichen Produktionssystem verankert werden. Die Aufgabe von MTM ist es, die Inhalte dieses neunten Gestaltungsfeldes zu entwickeln. Eine besondere Rolle spielt dabei das neue Prozessbausteinsystem MTM-HWD®, das erstmals die methodische und ergonomische Prozessbeschreibung in nur einem Schritt vereint. MTM-HWD® verkörpert wie kein zweites MTM-Bausteinsystem den Wandel im Verständnis, in der Wahrnehmung und in der Anwendung von MTM als Prozesssprache zur Modellierung menschlicher Arbeit. Angesichts alternder Belegschaften gilt es in allen Branchen, gesundheitliche Risiken am Arbeitsplatz zu minimieren und die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter bis in das späte Berufsleben zu erhalten. Die ganzheitliche Arbeitssystemgestaltung mit MTM-HWD® hilft Unternehmen, diese Herausforderungen zu meistern. Dem Thema „MTM und Ergonomie“ ist im Jubiläums-Tagungsband übrigens ein eigenes Kapitel gewidmet.


Was wird beim Thema GPS in Zukunft wichtig?

Prof. Dombrowski:
Das Wissen über GPS war zunächst stark auf die Produktion fokussiert. Das hat natürlich damit zu tun, dass es dort Arbeitspläne gibt, in denen man die Prozesskette gut visualisieren kann. Ich persönlich schätze die Potenziale, die das GPS im Entwicklungsbereich hat, höher ein als in der Produktion. Punkt 2 ist das Thema Industrie 4.0 bzw. die Implementierung von Industrie 4.0-Applikationen. Fakt ist: Industrie 4.0 ist kein IT-Projekt. Wenn man als Unternehmen mit Industrie 4.0 erfolgreich sein will, dann ist eine prozessorientierte Organisationsform zwingend notwendig.

Prof. Kuhlang: Es macht keinen Sinn, schlechte Prozesse zu digitalisieren. Um die Digitale Transformation zum Erfolg zu führen, müssen Unternehmen zuerst die Prozesse, müssen sie die Arbeit des Menschen gut gestalten – und dabei hilft MTM. Die Zusammenarbeit mit dem IFU öffnet uns die Tür in die strukturierte Welt der systematischen Unternehmensgestaltung mit Ganzheitlichen Produktionssystemen – und das IFU erhält von uns Methoden, die dem GPS neue Perspektiven eröffnen. So ergänzen wir uns gegenseitig – und präsentieren die Ergebnisse auch regelmäßig auf den Symposien.


Das GPS-Symposium 2017 beschäftigt sich mit „Lean Enterprise 4.0 – Standards als Erfolgsfaktor der Digitalen Transformation“ – welche Themen wird das Braunschweiger GPS-Symposium im Jahr 2027 behandeln?

Prof. Dombrowski:
Das Ganzheitliche Produktionssystem muss jetzt in die Breite gehen. Ohne einen solchen Ordnungsrahmen wird es Unternehmen sehr schwer fallen, die Potenziale der Industrie 4.0 überhaupt zu identifizieren. Derzeit ist die Verunsicherung groß und auch die Ressourcen sind begrenzt. Meines Erachtens ist es auch falsch, nur von Digitalisierung zu sprechen – das machen wir schließlich schon seit den 1960er Jahren. Jetzt geht es vielmehr um die selbstorganisierte, digitale Vernetzung. Es geht darum, den Veränderungsprozess, die Digitale Transformation, anzustoßen und den richtigen Weg für das eigene Unternehmen zu finden. Die wichtigsten Voraussetzungen sind die Prozessorientiertheit des Unternehmens, das gemeinsame Agieren von Ingenieuren und Informatikern – und die Implementierung und Weiterentwicklung des Ordnungsrahmens. Generell wird das GPS dort einzusetzen sein, wo es auch einen Nutzen, einen Mehrwert für den Menschen bringt.


Apropos Mensch. Wie schätzen Sie dessen Rolle in der Industrie 4.0 ein?


Prof. Dombrowski: Der Mensch verfügt über Fähigkeiten, die der Rechner nicht hat. Aber er braucht Unterstützung, z. B. durch Applikationen, weil er die Verantwortung für das System trägt. Systemseitig werden zwei, drei Lösungswege aufgezeigt, doch die Entscheidung trifft immer noch der Mensch. Er betätigt letztlich den „Einverständnisknopf“. Wir haben die Mitarbeiter mit Lean befähigt, unternehmerisch zu denken – nun müssen wir sie auch entsprechend behandeln und qualifizieren.

Prof. Kuhlang:
Die voranschreitende Digitalisierung und Automatisierung wird auch Veränderungen hinsichtlich der Anforderungen in der manuellen Montage mit sich bringen. Voll- und teilautomatisierte Montagesysteme erfordern mehr Verständnis für das gesamte System, wenn es um das Einstellen und Überwachen der Systeme oder das Beseitigen von Störungen geht. Für den Mitarbeiter in der manuellen Montage bedeutet dies, eine steigende Zahl an Informationen aus digitalen Assistenzsystemen zu verarbeiten. Er muss also bereit sein, die neuen Technologien in seinen Arbeitsalltag zu integrieren.

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