MTM – Arbeit produktiv und gesund

„Keine Angst vor Industrie 4.0“

Interview mit Prof. Volker Stich, Geschäftsführer FIR e. V. an der RWTH Aachen

Big Data, Smart Factory, cyberphysische Systeme – das sind nur drei von vielen Begriffen, die für den digitalen Wandel stehen. Während die einen schon längst auf dem Weg sind, fällt es anderen schwer, sich unter Industrie 4.0 überhaupt etwas vorzustellen. Auch Prof. Volker Stich, Geschäftsführer der Forschungseinrichtung FIR e. V. an der RWTH Aachen, hat diese Erfahrung gemacht – und rät Unternehmen nicht in kurzzeitigen Aktionismus zu verfallen, sondern Schritt für Schritt voranzugehen. Als Keynote Speaker der diesjährigen MTM-Bundestagung lenkt Stich den Blick auf die Chancen der Digitalisierung der Wirtschaft. MTMaktuell sprach mit ihm über die Aufgabe, die der Wissenschaft bei der Realisierung der Vision Industrie 4.0 zukommt.

Herr Prof. Stich, wie häufig gebrauchen Sie den Begriff Industrie 4.0?
Ich spreche eher vom Internet der Dinge. Industrie 4.0 erzeugt bei vielen, vor allem kleinen und mittelständischen Unternehmen Ängste. Dabei sind...

...die ersten Schritte längst gemacht, viele Unternehmen sind schon mittendrin in der Entwicklung. Es fängt niemand mehr bei null an. Wir haben den Übergang von mechanikzentrierten Systemen zu mechatronikzentrierten Systemen längst vollzogen – also keine Angst vor Industrie 4.0! Was viele erschreckt und auch abschreckt, sich intensiver mit dem neuen Industriezeitalter zu beschäftigen, sind Begrifflichkeiten wie z. B. cyberphysisches System. Dabei ist das einfach nur ein mechatronisches System mit einer inhärenten Intelligenz, vernetzt mit dem Internet.

Womit beschäftigen Sie sich am FIR?
Wir kommen ja aus dem alten Taylorismus, beschäftigen uns heute also mit dem Thema Betriebsorganisation in einer vernetzten Wirtschaft.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch irgendwann alles aus der Hand gibt?
Wir werden noch lange warten müssen, bis Maschinen tatsächlich autonom agieren können – und das wollen wir auch gar nicht. Nehmen Sie als Beispiel ein Kraftwerk, das Tage und Monate selbstständig läuft und für das doch immer ein Serviceteam bereitsteht, das im Pannenfall eingreifen kann. Für uns bedeutet Industrie 4.0 die digitale Vernetzung der Produktion und die Bereitstellung von intelligenten Assistenzsystemen gerade auf Shopfloor-Ebene. Entscheidend wird sein, wie der Mensch die zur Verfügung stehenden Daten nutzt und wie schnell er bei Abweichungen anhand der Daten reagieren kann. Topthema an unserem Forschungsinstitut ist deshalb eine neue Logik der Produktionsregelung: Ich habe Daten, ich kann prognostizieren, was in zwei, drei Stunden passiert, wenn ich nicht eingreife, und ich kann bereits jetzt Gegenmaßnahmen einleiten.

Wo sehen Sie die Verbindung zu MTM?
MTM ist in der Lage, diese intelligenten Assistenzsysteme mit den richtigen Daten zu füllen. Von Big Data, also der Masse an Daten, die z. B. mit MTM generiert werden, muss der Weg führen zu Smart Data, zu einer zielgerichteten Verwertung dieser Datenmenge. Hier sehe ich ein Riesenpotenzial auch für MTM. Im Übrigen braucht faktenbasiertes Entscheiden real gemessene Zeiten als Basis. Das ist umso wichtiger, desto schneller ich auf Abweichungen vom Soll reagieren will bzw. muss – und das nicht nur innerhalb einer Schicht. 30 Minuten Übergangszeit sind in der Industrie heute gang und gäbe. In vielen Fällen aber muss sofort entschieden werden, wie es weitergeht – da sind dann weit kürzere Übergangszeiten erforderlich.

Die Besucher der Fachausstellung zur MTM-Bundestagung haben die Möglichkeit, den Datenfluss in einer vernetzten Produktion quasi live und dreidimensional zu erleben. Was hat es damit auf sich?
Das FIR hat gemeinsam mit weiteren Partnern einen Anwendungsfall, einen so genannten Demonstrator, entwickelt, der zeigt, wie man ein Objekt von einem ERP-System in das andere schiebt. Dieser Demonstrator verdeutlicht, dass bereits heute die technischen Möglichkeiten vorhanden sind, um Daten systemübergreifend auszutauschen und damit Aufträge auch werksübergreifend abzuarbeiten. Das bringt mehr Transparenz in die Produktion, führt zu weniger Fehlern in der Fertigung, beschleunigt die Prozesse und reduziert Kosten. Wer sich für den Demonstrator interessiert, sollte den Stand des MTM-Instituts in der Fachausstellung besuchen und sich selbst ein Bild machen.

Sie haben eingangs formuliert: Keine Angst vor Industrie 4.0! Wie will das FIR vor allem klein- und mittelständischen Betrieben diese Angst nehmen?
Das große Problem für Unternehmen besteht doch darin, dass sie nicht wissen, wo sie hinsichtlich Industrie 4.0 stehen und demzufolge auch nicht wissen, was zu tun ist, um im Wettbewerb mitzuhalten. Gemeinsam mit der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, kurz acatech, arbeiten wir aktuell an einem Reifegradmodell, das Unternehmen in die Lage versetzen soll, ihren Status quo festzustellen und auch konkrete Handlungsempfehlungen für die nächsten Schritte beinhaltet. Diese Lösung, die zurzeit wissenschaftlich validiert und praktisch von ersten Partnern in der Industrie getestet wird, wollen wir auf der Hannover Messe 2017 vorstellen. Ich gehe davon aus, dass wir in dieser Sache eng mit dem MTM-Institut zusammenarbeiten.

Deutsch
English
© Deutsche MTM-Vereinigung e. V.