MTM – Arbeit produktiv und gesund

Vom klassischen Industrial Engineer zum Data Scientist –
Die MTM-Bundestagung 2017

Die beste Nachricht vorweg: Der Berufsstand des Industrial Engineers wird im Kontext von Industrie 4.0 nicht von der Bildfläche verschwinden.  Aber, und das betonte Prof. Dr. Jochen Deuse, Leiter des Instituts für Produktionssysteme der TU Dortmund und Referent der MTM-Bundestagung am 26. Oktober 2017 in Stuttgart, ausdrücklich:  Die Aufgaben in den Bereichen Arbeits- und Zeitstudium, Arbeits- und Produktionssystemgestaltung werden sich verändern; es wird neue Verfahren und Handlungsfelder jenseits der klassischen Methoden und Werkzeuge geben – aus Industrial Engineering wird Industrial Data Science.

Deuse erwartet sich große Effekte von Data Science, also der Ableitung von Wissen und Handlungen aus Daten, vor allem im White-Collar-Bereich, d .h. in Dienstleistung/Administration/Management. Zu den neuen Handlungsfeldern des Data Scientist zählt er z. B. die Qualitätsprognose, die prädiktive Instandhaltung, die Engpassprognose mittels maschinenüberwachtem Lernansatz, die automatische Bewegungserfassung und -auswertung, an der auch MTM mit Kooperationspartnern arbeitet, Bewegungsstudien inklusive Ergonomiebewertung (s. MTM-HWD®) und die prospektive Zeitermittlung mittels Datenanalyse. Zwei Dinge sind nach Meinung des Institutsleiters dabei unerlässlich: Domänenwissen und „die Bereitschaft der Experten, sich diesen neuen Dingen zu öffnen – so, wie es auch bei Lean der Fall war“.

Von Methodenkompetenz zu Digitalkompetenz
Manfred Laier, Geschäftsfeldleiter MTM-Software, stellte die Generierung von MTM-Analysen in den Kontext von Industrie 4.0. Sein Credo: Mit MTM von Methodenkompetenz zu Digitalkompetenz! So sollen die für die MTM-Analyse erforderlichen Bewegungsdaten über neue Technologien wie Virtual Reality, 3D-Simulation und Sensorik erfasst werden – MTM kooperiert hier mit Partnern, die sich auch in der Fachausstellung zur Bundestagung präsentierten. Ein weiteres Thema, das Laier in den Fokus rückte, ist eine Softwarelösung, die klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) den Einstieg in die MTM-Anwendung erleichtern soll. Im Mittelpunkt stehen eine MTM-Cloud zur Kalkulation und zur Auswertung SOLL/IST in Echtzeit und die Bereitstellung branchenneutraler MTM-Prozessdaten in der MTM-Software TiCon4.

E-Learning-Plattform bietet weltweiten Zugang zu MTM-Ausbildung
Ein weiteres Highlight präsentierte Prof. Dr. Peter Kuhlang, Leiter des MTM-Instituts. Um allen Interessenten weltweit den Zugang zu einer zertifizierten MTM-Ausbildung zu ermöglichen, entwickelt die Deutsche MTM-Vereinigung e. V. aktuell eine webbasierte Plattform für die zeit- und ortsunabhängige Ausbildung in den MTM-Grundlagen (MTM-1). Die Teilnehmer der Bundestagung hatten Gelegenheit einen ersten Blick auf das neue E-Learning-Tool zu werfen, das künftig eine international einheitliche Ausbildung in MTM-1 sicherstellen wird.

„Prozessdenken sollte eine viel größere Rolle spielen“
Laut einer Umfrage der VDI Technologiezentrum GmbH unter deutschen Industrieunternehmen dominieren bislang technikgetriebene Digitalisierungskonzepte, d. h. Konzepte, in denen nicht der Mensch im Mittelpunkt stehe, so Dr. Norbert Malanowski, Seniorberater Innovationspolitik. Doch der frühzeitige Blick auf den Dreiklang Mensch – Technik – Organisation und entsprechende Qualifizierungskonzepte seien Voraussetzung für das Gelingen der Digitalen Transformation. Malanowski stellte ein im Technologiezentrum entwickeltes und in der Praxis erprobtes modellhaftes Weiterbildungskonzept vor.  Teilnehmer dieses Probelaufs waren reale Mitarbeiter von KMU, die mittlere Fachkräfteebene sowie Niedrigqualifizierte. Ziel sei es gewesen, so Malanowski, den Teilnehmern zu helfen, die digitale Welt zu erkunden, das Alltagswissen aufzugreifen und um Praxisbeispiele aus dem Betrieb zu erweitern. „Das Prozessdenken sollte eine viel größere Rolle spielen.“  Malanowskis Fazit: „Für KMU ist Industrie 4.0 schon eine große Herausforderung, denn die haben ein ganz anderes Tagesgeschäft als die Großen.“

Digitalisierung ist eine Notwendigkeit für Unternehmen
„Die Zukunft der Arbeit ist Arbeit mit digitaler Technologie“, betonte Dr. Detlef Gerst, Ressortleiter Zukunft der Arbeit beim Vorstand der IG Metall. Insofern sei die Digitalisierung weder Risiko noch Chance, sondern einfach eine Notwendigkeit für Unternehmen. Was die Digitalisierung für die Beschäftigten bedeute, hänge wiederum von der Gestaltung der Arbeit in der Industrie 4.0 ab. „Wir brauchen einen bewusst gesteuerten, reflektierten Modernisierungsprozess“, stellte Gerst fest. Dieser Prozess müsse geprägt sein von der Balance zwischen unternehmerischen Anforderungen und Anforderungen der Beschäftigten sowie einem neuen Verständnis von Lernen für die ganze Organisation. Sicher könnten Lösungen immer nur betriebsspezifisch sein, doch aus gewerkschaftlicher Sicht brauche es ein übergeordnetes Leitbild „Gute Arbeit“, so Gerst: „Wohin will ich mit der Organisation – und wohin mit den Beschäftigten.“

Digitalisierung und KMU: Was nutzt es, was kostet es, wann rentiert es sich?
Ist die Digitalisierung nur ein Thema für die Großen – und der Mittelstand schaut tatenlos zu? „Nicht tatenlos, aber ratlos“, sagt Kai Schweppe, Geschäftsführer Abteilung Arbeitspolitik beim Arbeitgeberverband Südwestmetall. „Die Mittelständler verstehen schon die Möglichkeiten der Digitalisierung, aber sie fragen sich: Wie kann ich das nutzen?“ Denn das seien die Kernfragen im Mittelstand: Was nutzt es, was kostet es, wann rentiert sich das? Der Arbeitgeberverband empfiehlt seinen ca. 800 Mitgliedsbetrieben, von denen ca. 80 Prozent weniger als 500 Mitarbeiter beschäftigen, nicht technologieorientiert zu agieren, sondern zu fragen: Was will ich mit der Digitalisierung erreichen? Wenn für das Unternehmen sinnvolle Technologien identifiziert sind, sollten sie mit allen Beteiligten eingeführt werden. Und dazu brauche es dann auch ein qualifiziertes Projektmanagement, so Schweppe.

Mobile Anwendungen in der Industrie 4.0
Schnelle Insellösungen sind oft besser als zeitintensive Komplettlösungen, sagt
Dr. Hubert Weid, Geschäftsführer der mobivention GmbH. Dies ist eine von zehn goldenen Regeln, mit denen die Nutzung mobiler Anwendungen in der Industrie 4.0 seiner Meinung nach zum Erfolg wird. Der App-Entwickler riet den Teilnehmern der Bundestagung außerdem, sich für das Thema „User Interface“ Zeit zu nehmen. Whatsapp, Google, Spotify, Amazon & Co. seien heute die Benchmarks für die Gestaltung industrieller Apps. Weid empfahl auf Nachfrage aus dem Auditorium eine App für einen Anwendungsfall, mit vielleicht zwei, drei Zusatzfunktionen, aber „keine eierlegende Wollmilchsau“.

Leader arbeiten nicht im, sondern am Unternehmen
Den Schlusspunkt unter die MTM-Bundestagung 2017 setzte Dr. Dieter Lange, der u. a. die Vorstände namhafter Unternehmen coacht. 90 Prozent der Digitalisierungs-Projekte scheiterten, „weil die Story zur digitalen Welt fehlt“ und demnach auch nicht die Herzen der Menschen erreicht würden, stellte Lange fest. Die erfolgreichsten Firmen jedoch hätten eine solche Story. Lange nahm das Publikum mit auf eine Reise zu sich selbst. Denn wer Menschen durch den aktuellen Veränderungsprozess führen wolle, der müsse zunächst sich selbst führen können. Selbstbewusstsein – sich seines Selbst bewusst sein; wissen, wer man ist – und Selbstverantwortung seien hier unerlässlich. Denn: „Leader arbeiten nicht im Unternehmen, sie arbeiten am Unternehmen!“

Fachausstellung „MTM goes digital“
Sehr gut besucht war die an die Tagung angeschlossene Fachausstellung. An einem gemeinsamen Stand mit dem MTM-Softwarehaus unter dem Motto „MTM goes digital“ präsentierten die Firmen Rüdenauer 3D Technology GmbH und AXS Motionsystem neue Technologien zur Erfassung von Bewegungsdaten. Außerdem in der Fachausstellung vertreten waren Heidelberger Druckmaschinen AG, plavis GmbH, memex GmbH, VITAL DINAMIC und INNOV8 s.r.o. Die Deutsche MTM-Gesellschaft stellte ein Benchmark-Projekt im Bereich Logistik vor. Von Wissenschaftsseite waren das Institut für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa) sowie das MTM-Institut mit Forschungspartnern vor Ort.

Impressionen von der MTM-Bundestagung 2017 finden Sie hier.

Die Vorträge stehen zum Download in unserem Informationssystem IRAS bereit – für MTM-Mitglieder erreichbar per Login.

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