MTM – Arbeit produktiv und gesund

Wirtschaftlichkeit vs. Sicherheit – wann ist ein MRK-System produktiv?

17.04.2018
Elektronikwerk Amberg: Regionaltreffen zur Mensch-Roboter-Kollaboration

Die Stärken des Menschen mit denen des Roboters zu kombinieren – das ist der Sinn von MRK-Systemen. Doch wie setzt man das praktisch um? Beim jüngsten Treffen der MTM/IE-Regionalgruppe Bayern im Elektronikwerk der Siemens AG in Amberg gab es dazu eine Reihe von Antworten. Das Interesse der gut 20 Teilnehmer aus ganz unterschiedlichen Branchen von Automotive, Maschinen- und Anlagenbau bis hin zur Medizintechnik, galt in erster Linie der Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK). Die ist auch bei Siemens ein Thema, wie Regionalgruppenleiter Hans-Thomas Mai, Audi AG, eingangs der Veranstaltung erklärte. Beim Werksrundgang gaben Dominik Sachsenhauser, Produktivitätsmanager bei Siemens und Gastgeber, und der für die Einführung von MRK-Systemen in Amberg zuständige Mitarbeiter Matthias Siegler erste Erfahrungen weiter.

Den Auftakt des informativen Nachmittags machte Prof. Dr. Peter Kuhlang, Leiter des MTM-Instituts und Verantwortlicher für das Thema MRK bei MTM. In Interaktion mit den Teilnehmern des Regionaltreffens rückte er die Arbeitssystemgestaltung im Spannungsverhältnis von Mensch und Roboter in den Fokus. Die Knackpunkte laut Kuhlang sind die Sicherheit des Mitarbeiters und die Geschwindigkeit, in der Mensch und Roboter zusammenarbeiten: Wenn der Mensch in den Aktionsradius des Roboters vordringt, muss der Roboter langsamer werden; die Sicherheitsvorschriften und der Schutz des Mitarbeiters erfordern dies. Was kann man also tun, um die Aufgaben des Menschen und des Roboters frühzeitig aufeinander abzustimmen, damit beide Ressourcen möglichst produktiv und wirtschaftlich arbeiten können? Die Antwort auf diese Frage liegt in den konkreten Arbeitsinhalten und deren Aufteilung auf Mensch und Roboter.

Arbeitsinhalte sinnvoll aufteilen
Wirtschaftlichkeit vs. Sicherheit – hier stelle sich generell die Frage nach der Produktivität von MRK-Systemen, sagte Kuhlang. Können MRK-Systeme überhaupt produktiver sein als manuelle Montage- bzw. hybride Systeme? Wenn die Arbeitsinhalte bereits in der frühen Konzeptionsphase sinnvoll zwischen Mensch und Roboter aufgeteilt werden – vielleicht, so der MTM-Experte. Genau an dieser Stelle könne die  Prozesssprache MTM einen Beitrag leisten und die Einführung von MRK-Systemen unterstützen. Schließlich lauten auch die Ziele, die mit der MTM-Anwendung verbunden sind: geringere Stückkosten, höhere Produktqualität und bessere Ergonomie.

Zwei Welten über eine Sprache zusammenbringen
Was genau hat nun MRK mit MTM zu tun? Ausgangspunkt der Überlegungen zu einem Prozessbausteinsystem MTM-MRK ist die Tatsache, dass das Bewegungsmodell der MTM-Grundbewegungen dem Bewegungsmodell eines Roboters ähnlich ist. Warum also nicht auch die Bewegungen eines Roboters mit MTM-Prozessbausteinen beschreiben, sprich die Ablaufbeschreibung für den Menschen um eine zusätzliche Ressource erweitern? „Wir entwickeln eine Systematik, die sprachlich der MTM-Notation entspricht, wir berechnen Hauptzeiten für bestimmte Roboter-Typen und bilden beides in einer erweiterten MTM-Analyse ab“, erklärte der Leiter des MTM-Instituts. Der Nutzen dieser Information liege auf der Hand: Beide Welten – Mensch und Roboter – werden über eine gemeinsame Sprache in einem Formular zusammengebracht. „Wenn wir wissen, was der Mensch tut, können wir Robotern in dieser Zeit sinnvolle Arbeitsinhalte zuweisen“, brachte es Kuhlang auf den Punkt. Und: „MTM-MRK funktioniert, ohne dass der Roboter programmiert werden muss.“ Das große Problem aktueller MRK-Systeme sei ja gerade, dass der Roboter programmiert bzw. geteacht werden muss, so Kuhlang. MTM-MRK hingegen biete Prozessbausteine für den Menschen und Prozesszeiten für den Roboter, praktischerweise umgesetzt in der MTM-Software TiCon.

Das Thema Wirtschaftlichkeit von MRK-Systemen beschäftigte die Teilnehmer auch in der sich anschließenden Diskussion. Die Meinungen gingen dabei weit auseinander – je nach Kenntnis- und Erprobungsstand in den Unternehmen. Einig war sich die Runde darin, dass es wirtschaftliche Ansätze gibt, aber voll kollaborierende MRK-Systeme noch ein schwieriges Thema sind.

„Erst MTM – dann digitalisieren“
Bei Siemens in Amberg – übrigens ein MTM-Mitgliedsunternehmen – liege der Fokus in Zukunft auf Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung, stellte Dominik Sachsenhauser bei der Vorstellung des Elektronikwerkes fest. Die Entwicklung eines Unternehmens von Industrie 1.0 bis 4.0 sei hier am Standort besonders gut nachvollziehbar. Ein wichtiges Element auf dem Weg zu Industrie 4.0 ist in Amberg die Strategie „Lean Digital Factory“ mit dem Teilprojekt „Digital Time Management 2020“. Ein Fehler, den laut Sachsenhauser viele machen: Prozesse werden vor der Digitalisierung nicht schlank gemacht. Schlechte Prozesse zu digitalisieren mache jedoch keinen Sinn. „Also erst Lean und MTM – und dann digitalisieren“, betonte der Produktivitätsmanager. Für ihn besonders wichtig ist Kontinuität in der Datenermittlung und -verifizierung, denn: „Die Datenqualität ist ein Erfolgsfaktor für die Digitalisierung.“

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