MTM – Arbeit produktiv und gesund

MTM-HWD® besteht Praxistest bei Miele – Rollout ist geplant

Die Partner des Entwicklungsprojekts Human Work Design (HWD®) sind seit vergangenem Jahr dabei, praktische Erfahrungen mit dem neuen Bausteinsystem MTM-HWD® zu sammeln, das erstmals methodische und ergonomische Arbeitsgestaltung in nur einem Schritt vereint. Bei Miele & Cie. KG wurde der Pilot im April 2016, nach einem Jahr Laufzeit, erfolgreich abgeschlossen. Ralf Graute vom Industrial Engineering im Werk Gütersloh berichtete im Rahmen des 16. TiCon-Anwendertreffens in Dresden zu Ergebnissen und Erfahrungen aus der Erprobungsphase. Sein Fazit: Mit MTM-HWD® wird es gelingen, auch ältere...

...Arbeitnehmer/-innen in einer getakteten Fließmontage produktiv einzusetzen. Das Bausteinsystem MTM-HWD® ist für den Prozesstyp Serienfertigung mit Arbeitszyklen oder Takten von 30 bis 120 Sekunden Länge entwickelt worden und bedient zudem die in zahlreichen Unternehmen angewendeten Ergonomie-Bewertungstools, darunter auch EAWS (Ergonomic Assessment Worksheet), das international anerkannte Standardverfahren zur Identifizierung biomechanischer Risiken im Arbeitsablauf. Während die klassischen MTM-Bausteinsysteme vom Arbeitsplaner und damit in der Regel nur von einer Expertengruppe im Unternehmen eingesetzt werden, ist MTM-HWD® auf die Nutzung durch mehrere Funktionsbereiche – von der Zeitwirtschaft, über die Ergonomie/das Betriebliche Gesundheitsmanagement/den Betriebsarzt, die Produktentwicklung und Konstruktion bis hin zu Personalabteilung und Verbesserungsmanagement – ausgelegt. Erst der bereichsübergreifende Einsatz von MTM-HWD® bringt die Vorteile dieser kombinierten Methode zum Tragen – und entspricht damit dem modernen Verständnis eines humanzentrierten Industrial Engineering, wie es auch bei Miele & Cie. KG gelebt wird.

Die Motivation:
Vor allem zwei Dinge haben das Unternehmen bewogen, in dem Entwicklungsprojekt mitzuarbeiten. Zum einen versteht die Geschäftsleitung der Miele & Cie. KG die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als zentrale Managementaufgabe. Zum anderen sieht sich das Unternehmen angesichts des demografischen Wandels vor der Herausforderung, auch mit älter werdenden Belegschaften produktiv bleiben zu können. Von der Anwendung des Bausteinsystems MTM-HWD® versprach sich die Geschäftsleitung aussagekräftige Hinweise, wie ergonomiegerechte Arbeitsgestaltung und Produktivitätsentwicklung in Einklang gebracht werden können.

Die Vorbereitung:
Noch vor dem Start des Piloten im April 2015 mussten viele, auch unternehmenspolitische Entscheidungen getroffen werden, um das Bausteinsystem überhaupt anwenden zu können, so Ralf Graute. Die Kommunikation mit allen Beteiligten habe hier Vorrang gehabt. „Für uns war sehr wichtig: Wen wollen wir für das Projekt gewinnen und wen brauchen wir überhaupt auf diesem Weg?“ Das Kernteam, das den Piloten vorantrieb, bestand aus Kollegen aus dem Industrial Engineering und dem Betriebsrat sowie Projektingenieuren von MTM. Zum erweiterten Team gehörten auch Kollegen aus der Montage, der Arbeitsvorbereitung und der Arbeitssicherheit, so Graute.

Erster wichtiger Schritt war eine Info-Veranstaltung für Führungskräfte, Betriebsräte und Fachkräfte, um überhaupt erst einmal für das Thema zu sensibilisieren. Dann natürlich die Information der Mitarbeiter selbst. "Wir haben uns auf eine Linie konzentriert, haben alle Mitarbeiter an einem Tag rausgeholt aus der Linie und sie gemeinsam darüber informiert, was wir vorhaben. Die Fachkräfte sind bei der Veranstaltung dabei gewesen", beschreibt Graute das Vorgehen. Neben diesen Info-Veranstaltungen wurden weitere Kollegen bzw. Mitglieder des Projekt-Teams in MTM-HWD® ausgebildet – vor allem auch aus dem Betriebsrat. „Gerade diese Kollegen brauchen wir, denn sie müssen die Analysen, bei denen sie ja dabei sind, letztlich auch lesen und damit nachvollziehen können", stellt Graute fest.

Bevor dann an der ausgewählten Fertigungslinie mit den Analysen begonnen wurde, veranstaltete das Projekt-Team in zwei Werken eine Praxiswoche. "Wir haben uns einen Teilbereich ausgesucht, um der Fertigungsleitung bzw. der Werkleitung MTM-HWD® näherzubringen", so Ralf Graute. Das Ganze sei bei den Beteiligten sehr gut angekommen. Generell rät er Unternehmen, bei der Einführung von Neuerungen alle Beteiligten erst intensiv zum Thema zu informieren, bevor es an den großen Rollout geht. Und: Bevor der Pilot starten kann, muss natürlich erst eine Betriebsvereinbarung zur Erprobung unter Serienbedingungen geschlossen werden.

Ein Thema bei der Vorbereitung war die Zusammensetzung der Mannschaft, die an dem Piloten teilnimmt. An der ausgewählten Fertigungslinie arbeiten junge und ältere Kollegen, große und kleine Mitarbeiter, Frauen und Männer und verschiedene Nationalitäten. "Wir haben hier im Prinzip einen Querschnitt durch die gesamte Belegschaft – und das ist wichtig für die Verwertbarkeit der Projektergebnisse", betont Graute. Das Vorgehen sei hier ein ganz anderes als z. B. bei einer UAS-Analyse, wo der Arbeitsablauf im Vordergrund steht. Bei der Anwendung von MTM-HWD® stehe der Mitarbeiter im Vordergrund. "Wir haben mit jedem einzelnen gesprochen, seine Anforderungen und Bedürfnisse am konkreten Arbeitsplatz erfragt, welche Probleme er hat, was wir für ihn tun können – und das wertschätzt auch die Arbeit jedes Kollegen!"An der ausgewählten Fertigungslinie mit 32 bis 42 variantenabhängigen Arbeitsplätzen sind 84 Mitarbeiter direkt und neun Mitarbeiter indirekt eingebunden. Die Taktzeiten reichen von 54 bis 108 Sekunden; fünf Taktungsmodelle sind stückzahlabhängig. Gearbeitet wird im Drei-Schicht-System in Job Rotation (Rotationsgruppen).

Die Umsetzung:
Erster Schritt war die Aktualisierung der Vergleichsbasis, sprich der IST-Stand. Als nächstes ging es an die Erstellung der HWD®-Analysen und die Modellierung des SOLL-Ablaufs. Auch hier sei es wieder besonders wichtig gewesen, die Mannschaft mitzunehmen, d. h. für die Modellierung jedes SOLL-Ablaufs den entsprechenden Mitarbeiter live einzubinden. Die Umsetzung dieses SOLL-Ablaufs in die Praxis war der nächste Schritt und zugleich der größte Brocken, wie Graute formuliert. Eine Analyse direkt am Arbeitsplatz zu schreiben, ist mit der entsprechenden Ausbildung kein Problem – "meint man", so Graute. Aber wenn man an der Linie beim Mitarbeiter stehe, sehe das plötzlich anders aus. Da brauche es viel Feingefühl, da brauche es Methodenunterweisung, Methodentraining, Mitarbeiterkommunikation – „wie halten die Mitarbeiter die Vorgaben ein, wie kriegen wir das hin, dass sie so arbeiten, wie es methodisch-ergonomisch am Sinnvollsten ist. Thema Nachhaltigkeit der Methodenunterweisung...“, beschreibt Graute die Erfahrungen des Teams.

Eine Reihe von Maßnahmen konnten bereits während des Pilotprojekts umgesetzt werden. Hier Beispiele für Maßnahmen im Bereich Methode, Konstruktion und Betriebsmittelanpassung:

  • Methodische Maßnahme: Änderung der Arbeitsmethode von der Lastenhandhabung mit einer Hand inklusive der entsprechenden Belastung des Handgelenks in eine beidhändige Lastenhandhabung.
    = Reduzierung des ergonomischen Risikos

  • Konstruktive Maßnahme: Reduzierung der aufzuwendenden Fügekraft durch eine optimierte Bauteilgestaltung.
    = Geringeres ergonomisches Risiko und hohe Mitarbeiter-Zufriedenheit

  • Betriebsmittelanpassung Bereich Prüftechnik: Belastungspunkte gesenkt durch verbesserte Körperhaltung.
    =
    Hohe Mitarbeiter-Zufriedenheit an diesem Arbeitsplatz – Mitarbeiter
    an anderen Linien fragen schon, wann sie dran sind...

Die Ergebnisse:
Der Vergleich der mit MTM-UAS ermittelten Grundzeit/IST-Zustand mit der per MTM-HWD®-Analyse ermittelten SOLL-Zeit inkl. entsprechender Modellierungsideen hat laut Graute gezeigt: Es gibt keine großen Unterschiede. Der Vergleich der Ergonomiebewertung per EAWS (IST) und per HWD (SOLL) hat dagegen Unterschiede gebracht. Am Anfang liegen die nach EAWS und HWD ermittelten Ergonomie-Punkte noch eng zusammen. Doch im Verlauf der Analyse werden die Unterschiede größer. Der Grund liegt für Graute auf der Hand: „Weil Ergonomie und Zeit in den EAWS-Analysen getrennt betrachtet werden.“ Hier liegt seiner Meinung nach auch der große Vorteil der Anwendung des Bausteinsystems MTM-HWD®: „Wenn ich die Zeit habe, dann habe ich automatisch auch die Ergonomiebewertung. Ergonomie und Methode kommen bei MTM-HWD® aus einer Hand.“ 

Das Fazit:
Ralf Graute ist mit dem Pilotprojekt zufrieden. Aufwand und Einsatz der beteiligten Kollegen, denen er ausdrücklich für ihr Engagement dankt, habe sich in mehrfacher Hinsicht gelohnt. In den Analysen konnte nachgewiesen werden, dass das Zusammenspiel von Ergonomie und Methode

  • eine gute, ergonomiegerechte Arbeitsgestaltung erlaubt und damit die Gesunderhaltung der Belegschaft fördert,
  • die Produktivitätsentwicklung positiv beeinflusst und
  • verlässliche Hinweise darauf gibt, wie auch ältere Mitarbeiter/-innen in einer getakteten Fließmontage produktiv einsetzbar sind.

Eine der wichtigsten Erfahrungen sei, so Graute, dass die Anwendung von MTM-HWD® die Einbindung der Mitarbeiter/innen zwingend erforderlich macht und damit die Arbeit jedes Einzelnen wertschätzt. Darüber hinaus wandle sich mit MTM-HWD® auch die Rolle des Industrial Engineering zum Coach und bereichsübergreifenden Ansprechpartner im Unternehmen.

Mit Abschluss der Betriebsvereinbarung startet im Werk Gütersloh der Rollout von MTM-HWD®. Bereits ein weiteres Miele-Werk hat laut Graute Interesse an dem neuen Bausteinsystem bekundet. Die nächste große Aufgabe sei der komplette Wechsel von TiCon3 auf TiCon4 – die neue Generation der MTM-Softwarelösung, die auch die Anwendung von MTM-HWD® unterstützt. Unternehmen, die sich für das Pilotprojekt bei Miele interessieren, steht Ralf Graute gern als Ansprechpartner zur Verfügung.

Kontakt Miele Gütersloh: Ralf Graute, ralf.graute [AT] miele [PUNKT] de">


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